Chinesisches Scrabble

So! Damit der Blog hier hoffentlich zusätzlich einen eher recht als schlechten Abschluss findet und sich die Artikelanzahl ächzend per Räuberleiter aus unübersichtlichen und unnötigen Auf-, Ab- und Nebensätzen etc. auf „42“ hochstemmen lässt und auf der anderen Seite des Frankfurter Zolls wieder herunterkrachen kann, noch ein kleiner Ausflug in eine Nebenstraße der Shanghaier Universität. Ich könnte jetzt behaupten, aus Vorsicht vor dem „Urgency Desk“ der Visumszentrale eben nicht jenen Namen der Straße nennen zu wollen, aber im Grunde habe ich es schlicht vergessen, ihn mir zu notieren.

Wo ehemals wohl eine beliebte und geschäftige „Fresszeile“ für hungrige Studenten zum Zentralgebäude der Universität im Norden führte, stehen am frühen Morgen, als ich mich auf dem Weg dahin mache, nur noch vereinzelt untätige und vor allem alte Menschen rum, die in der Mehrzahl entweder die Hände in den Hosentaschen haben oder mit ihnen Teeplastikflasche und Zigarette halten, während ihre Schultern fast bis zum Boden hängen. Als ich also unschlüssig an der Kreuzung stehe und vor mich hinwippe, bemerke ich, wie mich ein Pförtner aus der Wohnsiedlung gegenüber in seinem Häusschen ins Visier, und wahrscheinlich solange, bis ich mich aus seinem Blickfeld bewegt habe, nicht mehr da heraus nimmt. Die Ruine von Straße darf man getrost mit dem Ruin ihrer früheren Bewohner gleichsetzen, da ihre Mitte eine schnell hochgeklebte Backsteinmauer durchzieht, welche dem Zweck dienen soll, neugierige Touristen/Studenten/Möchtegern-Weltspiegel-Kolumnisten erst gar nicht auf die Idee zu bringen, die Barackengasse mit Anklageschriften ruinierter Ladenbesitzer zu durchqueren.  Dass ich nicht Gerd Ruge bin, wird spätestens dann klar, als ich hastig meine Kamera aus der Tasche fische, ein paar Fotos schieße, um für Sekundenbruchteile gleichzeitig in der Panik, vom Pförtner über den Haufen geschossen zu werden, mit Eistee, Zigarette und Kamera vor mich hinjongliere, glücklicherweise aber nur den Eistee fallen lasse und beißende Zigarettenasche in die Augen bekomme (Genauso gut hätte ich mich wohl neben einem riesige Kameraobjektiv und japanischer Fahne um die Schultern auf die leere Kreuzung legen können, ohne dass mir in den nächsten fünf Minuten etwas passiert wäre. Danach wäre ich wahrscheinlich überfahren worden, aber dieser deutsche Pfannkuchen darf nicht der chinesischen Presseunfreiheit zugeschrieben werden. Also lasse ich es.).

Die nachfolgenden Bilder und Übersetzungen sind zwar rasch hingeschustert, mit Kamera-Automatik hastig geknipst und mehr frei als wörtlich übersetzt , belegen aber hoffentlich ein kleines bisschen Trostlosigkeit, die nicht nur durch dramatische Schlachtungen von Demonstranten etc. ausgelöst wird, sollten aber eine –wenngleich keinesfalls dem Ganzen gerecht werdende – Randnotiz wert sein, die einen bitteren Beigeschmack besitzt:

Aufgenommen am 23.07.2013:

Bild

Geräumte Straße (Nähe Universität), einst durchzogen von Geschäften, Nudelküchen, Restaurants

Bild

Von ehemaligen Anwohner angeschriebene Wandnotiz; ungefährer Wortlaut:
„Liebe Landsleute! Seht ihr, wie sich die Fudan Universität und Hualian [Anm.: dabei handelt es sich wohl um eine Großhandelskette] verhalten? Unser Vertrag ist vom 30.9.2011 bis zum 30.9.2013 gültig, doch sie haben uns bereits letztes Jahr am 20. Januar die Wasser-und Stromversorgung abgeschaltet. Unser Nudelrestaurant wird somit unter diesen schweren Beeinträchtigungen keine Möglichkeit mehr gelassen, das Geschäft erfolgreich fortzuführen und beträchtlicher (finanzieller) Schaden wird uns zugefügt. Derartige Haltung lässt sich in keiner Weise ertragen. Die Mitarbeiter unseres Geschäfts legen dagegen entschieden Protest ein.“

Bild

In Luftlinie knappe 500 Meter ragt das Zentralgebäude der Fudan-Universität empor.

Ich überlasse es gerne dem Leser, sich ein Urteil darüber zu bilden. Mir fällt nur gerade in dem Moment ein komischer Traum ein, den ich vor ein paar Wochen hatte und in dem ich mit Wen Jiabao Scrabble gespielt habe. Auf den Spielsteinen fanden sich keine Buchstaben, sondern nur chinesische Schriftzeichen, und wer sowohl Scrabble als auch das chinesische Schriftsystem (es gibt so an die 50.000 unterschiedliche Schriftzeichen) kennt, der weiß um die schier unmenschliche Aufgabe, vor die man gestellt werden würde,  wäre der Gegner niemand anderes als ein (ehemaliger) chinesischer Premierminister. Unfair ist es obendrein und das bisschen was ein Einzelner einem solchen Staatsapparat entgegenzusetzen hat, nicht der Rede wert. Wahrscheinlich gehen chinaweit jeden Tag eine ganze Menge Auseinandersetzungen verloren, in denen der Gegner die Partei ist, aber ich spiele sowieso nicht gerne Scrabble.

Seltsam hingegen ist es, wieder zurück in Deutschland zu sein. Merkwürdig ist auch das Gefühl, welches sich in einem gemütlich macht, wenn man ein Buch auf dem Hinflug zur Hälfte ausgelesen hat, um es erst wieder auf dem Rückflug zur Hand nehmen und zu Ende lesen (oder es zu versuchen, da der fette Geschäftschinese neben einem alle halbe Stunde auf dem Interkontinentalflug dermaßen an seinem mitgebrachten Tee schlürft und anschließend aufstößt, das es nur schwer klappt mit dem Lesefortschritt). Ein ganzer Haufen persönlicher Kapitel ist hinzugekommen, die da zwar gar nicht in dem Buch stehen, aber einen beim Lesen beeinflussen und von der da abgedruckten Handlung ablenken. Zurzeit stellt ein alltägliches Problem mitunter der gemeine Buchsbaumzünsler im heimischen Garten dar, was gleichermaßen bezeichnend für das wieder-zurückzu-sein, mental (so halbwegs) und physisch (so einigermaßen) ; Und das Buch von Hin-und Rückflug habe ich bei Ankunft zur Seite gelegt, ohne es fertig gelesen zu haben.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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