Entschleunigung unplugged

Der „Urgency Desk“: ein Tisch, ausgestattet mit Computer, Schreibunterlage, Tastatur und einer Plastikflasche trüben Tees, thront an der Flanke einer ganzen Reihe von Visums-Annahmeschaltern in einem großen, gemütlichen Betonblock mitten in Pudong. Heute früh hatte der offizielle Wetterbericht zum ersten Mal 39 Grad ausgespuckt, nachdem wochenlang die „38“ dastand. Als ich mich morgens müde zum Schalter neben eben diesen „Urgency Desk“ schleppe, um das tägliche Problem/Rätsel zu lösen, das sich die VR für einen mal wieder ausgeknobelt hat, und diesmal darin besteht, dass mein Visum wohl doch noch um genau einen 38 Grad, womöglich 39 Grad warmen Tag verlängert muss, um wirklich ausreisen zu dürfen, bringe ich zur Entschuldigung auch nicht viel mehr heraus als „Hallo, ich brauch noch einen Tag. Tut mir leid.“ (was auch immer ich damit hatte ausdrücken wollen)

Die Dame schaut kurz geringschätzig über ihre Brillengläser auf mich und meine Unterlagen, die sowohl aus sehr wichtigen Formularen (Reisepass), früher mal wichtigen Unterlagen (bezahlte Wasserrechnungen) und Visitenkarten, vergilbten Supermarktrechnungen etc. bestehen . Schon befürchte ich, dass irgendjemand im Hinterzimmer gerade meine Blogs nach einem Ablehnungsgrund durchsucht, als sie mir die Blätter, die sie als für nicht weiter wichtig befunden hat, zurückschiebt (darunter befindet sich auch die gelb-schwarze Visitenkarte von Taxi Kalifa, einem Taxiunternehmen aus dem Kreis Karlsruhe) und mir mitteilt, ich solle unverzüglich zum „Urgency Desk“ gehen. Ich blicke kurz nach links, wo gerade keiner sitzt. „Ach ja, genau. Die haben jetzt drei Stunden Mittagspause.“, fällt ihr ein. „Kommen Sie bitte um halb 2 wieder vorbei.“ Ich nicke dankbar, krame die losen Blätter zusammen und stehe auf. Keine Handschellen haben geklickt (warum sollten sie das auch? Aber in so einer Atmosphäre werde ich sehr leicht sehr nervös). Aber halt: Wenn das jetzt ein Schalter für ganz dringende Fälle ist, ein Tisch also, an dem alles zack-zack gehen muss, weshalb sitzt da niemand? An der Notannahmestelle im Krankenhaus sitzt doch auch (glücklicherweise) immer einer und da führen sogar Pfeile auf dem Boden hin, falls irgendjemand Unglückseliges taumelnd und blutüberströmt nicht mehr richtig sehen kann. Da sagt auch keiner am Tisch daneben: „Kommen Sie nachher wieder oder ruhen sich hier ein wenig aus. Aber nicht ohnmächtig werden in der Zwischenzeit. Das sieht ja schlimm aus, mein Gott! Unterschreiben Sie bitte hier noch kurz. Na, da haben sie ja Glück, dass Sie Linkshänder sind.“ 

Der Urgency – Desk macht mit 15 Minuten Verspätung auf und ein dicker, kleiner Chinese, der ein bisschen wir unser Vermieter aussieht, drängelt sich vor, haut der Beamtin fünf ausländische Pässe auf die Tastatur und will Visa haben. Eine dreiviertel Stunde später habe ich auch meine Visumsverlängerung (warum existieren eigentlich keine SPAM-Mails dieser Art?) beantragt und schiebe mich durch die nun recht lange Schlange hinter mir, an deren Spitze ein wütender Franzose im stoischen Wechsel immer diejenigen Beamten hasst, die gerade aufstehen und was holen gehen, und leise vor sich hinflucht, nach draußen. Supermarkt-Atmosphäre an einem Freitag kurz nach Feierabend macht sich breit und jeder wünscht demjenigen, der seine Sachen endlich vor dem Bediensteten ausbreiten kann, einen langsamen Tod.

 

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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