Menschen gegen Minen

Ich habe seit einem knappen Monat einen Micky-Maus-Bleistiftspitzer und einen Zehner-Pack Bleistifte in meinem Rucksack herumfliegen. Erstens bin ich jedoch kein Drittklässler (wobei man in der dritten Klasse allerlei nützliches Zeug lernt: wie z.B. damals im Religionsunterricht, als ich gemerkt habe, dass man Arbeitsblätter am besten nicht mit flüssigem Uhu-Kleber ins Heft pappt, wenn man am Ende des Schuljahres nicht Moses-Steintafeln sein Eigen nennen will), und zweitens kein Kunststudent, der auf der Sternschanze in Hamburg eine Wohnung mit Balkon besitzt; deshalb sollte ich den Grund dafür kurz erklären. Der HSK ist eine Sprachprüfung, der das Sprachniveau von einem testet und auf den Unternehmen schauen, die einen Sinologen einstellen wollen, der nichts kann, außer Chinesisch (also sozusagen ein chinesischer Toefl). Da ich mir selbst etwas beweisen wollte, wie damals als ich zur Abiturprüfung angetreten war (wobei die ja augenscheinlich heute auch keiner mehr braucht), hatte ich mich für die Prüfung angemeldet. Am Morgen des Tests bin ich durch die Guoshun-Straße gehetzt, um meinen Reisepass ausdrucken zu lassen, da die Zuständigen eben diesen benötigen, um zu sehen, ob man wirklich derjenige ist, der sich registriert hatte und um einen nochmals daran zu erinnern, wie sehr doch Ähnlichkeit mit der britischen Brillenschlange, die ein paar Zaubertricks drauf hat, bestehen würde. Vor der Prüfung (ich war viel zu früh vor Ort) hieß es Schlange stehen. Es ist erstaunlich, wie oft und wie lange man im Leben Schlange steht. Das merke ich besonders hier in China. Ich überreichte ihnen meine Unterlagen, welche in Ordnung zu sein schienen, doch ein Problem gab es doch (und es gibt von offizieller Seite immer ein „Problem“. Das sollte man fest einplanen): Ich hatte a.) keinen Bleistiftspitzer und b.) keine Bleistifte. Darauf angesprochen, entgegnete ich, dass ich diesen Kram nun wohl doch nicht bräuchte, da es sich um eine Prüfung handelte, die am Computer abgelegt werden sollte. Daraufhin meinten sie wiederum, es stehe hier aber und legten mir nahe, binnen zehn Minuten Bleistift und Bleistiftspitzer gekauft zu haben und außerdem sehe ich aus wie Harry Potter. Ich brach aus der Schlange aus und fand glücklicherweise einen Laden direkt in der Nähe, der Bürokram verkauft. Es gab aber nur Spitzer in Form eines Micky Maus-Kopfes und Zehnerpacks an Bleistiften. Während ich zurückrannte spitzte ich einen, die Mine brach ab, ich ging über die Kreuzung, wurde fast überfahren, spitzte weiter, die Miene brach ab, ich gab auf und stopfte sie in meine Tasche. Der Rest lief reibungslos, wurde zur Prüfung zugelassen und benutzte Bleistiftspitzer und Bleistift nie wieder.

Zurzeit bringe ich der Verkäuferin im 24h-Laden das „Tschüss“ bei, nachdem sie recht schnell (im letzten halben Jahr.) das „Hallo“ gelernt hatte. Gestern ist mir aufgefallen, dass sämtliche Kollegen von ihr die Stirn runzelten, und auch sie schien nicht ganz glücklich darüber zu sein, „Tschüss“ zu sagen. Zunächst wusste ich nicht weshalb, bis mir auffiel, dass sich „Tschüss“ ein wenig, wenn nicht gar für Chinesen vollkommen gleich anhört wie das chinesische „Geh Sterben!“ (qu si). Wenn dies eine Verkäuferin als Abschiedsgruß an einen richtet, wirkt es wohl für alle, die kein Deutsch können (also alle), recht unhöflich. Glücklicherweise konnte ich sie davon überzeugen, dass es sich bei „Tschüss!“ wirklich um einen deutschen Begriff handelt. Zum Abschied rief sie mir aber dennoch wieder ein fröhliches „Geh sterben!“ hinterher, da ihr die Übung noch fehlt.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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