Das rote Peloton

„Im Windschatten spazieren gehen“ ist eine Beschäftigung, die jeder hier einmal ausprobiert haben sollte. Das Thema, alle hier seien auf den Deutschen neugierig und würden ihn unverwandt taxieren, drischt sich ab, also sollten wir uns lieber einer Möglichkeit zuwenden, dem da entgegenzuwirken (und es ist durchaus ratsam; gibt es doch unterschiedliche Phasen, die ich in meiner Zeit durchlaufen musste. Sie sind zwar in sich verschränkt und verschwimmen ineinander, aber gut zu unterteilen) und das Ganze einem erträglicher zu gestalten:

1. Phase: Erstaunen darüber, dass jeder einen ansieht, stehen bleibt, sich umdreht und einem nachsieht.

2. Phase: Geschmeichelt sein – man fühlt sich ein wenig gut dabei und als jemand Besonderes, in einer Stadt, in welcher alle gleich aussehen (tun sie ja. kommt schon.).

3. Phase: Leichte Irritation, welche man damit überspielt, dass man sich vorstellt, man sei irgendjemand berühmtes, ganzkörpertätowiert, etc.; kombiniert mit kalten Schweißausbrüchen, die aber auch nur Vorboten der ersten Lebensmittelvergiftung nach zwei Monaten sein können.

4. Phase: Nachdem man aus dem Internationalen Krankenhaus entlassen wird, rennt man gehetzt und mit Scheuklappen durch die überfüllten Straßen. Würde man Feuer spucken können, würde man Feuer spucken; da man das nicht kann, stehen alle sanitären Anlagen aus Holz immer noch.

5. Phase: Resignation – In den Sommermonaten ist alles egal. Man starrt zurück, nickt willkürlich wildfremden Menschen zu, erfindet seinen Lebenslauf neu und irritiert damit die Volksmassen selbst ein bisschen.

6. Phase: Innovation – man erfindet Sportarten, Aktivitäten, Sprachen etc. , um das Ganze für die restliche Zeit ein wenig interessanter zu gestalten.

An dieser Stelle kommen wir daher nun zum „Im Windschatten spazieren gehen“:

Offenkundig ist es leichter und unkomplizierter, Menschen ungestört und ausgiebig zu beobachten, wenn man hinter ihnen läuft, und da für den Chinesen (an sich) ein jeder Deutsche (an sich) genauso gleich aussieht, wie der Chinese (an sich) für den Deutschen (an sich), braucht der Chinese (an sich) im Grunde auch nicht des Deutschen Gesicht zu sehen (nur am Rande: Somit ist dies eine vollkommen andere, weniger chauvinistische Situation, wie die der der-Frau-an-und-für-sich-mal-nachzuschauen. ). Im Radsport wird im Windschatten gefahren. Der wahnsinnig kreative Begriff ist somit dem Sportjargon entlehnt. An der Spitze einer Radfahrergruppe wechseln sich die Fahrer ab, lassen sich zurückfallen oder stoßen wieder an die Front. Wenn man nun eine staubige Straße mittags irgendwo in Shanghai entlang kriecht, könnte man beinahe davon ausgehen, jeder andere habe irgendetwas  Wichtigeres zu tun, als sich mit einem müden Westler mit schiefsitzendem  Brillengestell auseinanderzusetzen. Weit gefehlt: Rein zufällig lassen sich in unregelmäßigen Abständen Passanten, die in die gleiche Richtung wie man selbst unterwegs sind, hinter einen zurückfallen. Oft wird dabei vorgegeben, eine wahnsinnig komplizierte SMS tippen zu müssen, eine Bau-oder Bushaltestelle zu bewundern, oder zu gähnen. Nun spürt man den Blick des anderen im Nacken, der auch nicht von einem weicht, wenn man sich abrupt danach prüfend umdreht.

Der Lösungsvorschlag: Es wird genau das gleiche gemacht, wie der Kollege im chinesischen Peloton bereits zuvor. Man lässt sich zurückfallen, indem man bspw. nachsieht, ob die Schrauben des Hydranten an der Ecke noch fest genug angezogen sind. Muss besagter Passant wiederum notgedrungen an einem vorbeiziehen, macht man sich in seinem Windschatten wieder auf den Weg. Nun könnte man meinen, jener würde es dabei belassen. Das ist gleichfalls ein Trugschluss, da er es nämlich keine halbe Minute an der Spitze des Feldes aushalten wird, bis auf einmal einer seiner Schnürsenkel aufgegangen ist. Spiel und Spaß ist hierbei garantiert, wenn mitgezählt wird, wie lange der andere durchhält. Heute Mittag habe ich bei einem Gewaltmarsch über Straßenkreuzungen der Kategorie 1 das Feld mit einem alten Rentner aufgemischt und  im Wechsel ganze fünfmal angeführt, bevor sich derjenige auf und davon gemacht hat. Ich ließ ihn bereitwillig ziehen (es war auch Rot).

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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