Tragende Wände

Es gehört dieser Tage recht viel Logistik (oder wie man das nennt; vielleicht auch besser: Koordination) dazu, eine halbwegs erträgliche Raumtemperatur in der Wohnung zu schaffen. Aber ich will hierbei gar nicht schon wieder aufs Wetter zu sprechen kommen (und genau in diesem Moment erschließt sich mir auch die etymologische Bedeutung von „herumwettern“ , Donnerwetter!). Zunächst einmal verhält es sich dieser Tage so, dass sich die Klimaanlage nachts oft recht spontan dazu entschließt, 28 Grad – warme Luft über das Bett zu brüllen. Wenn man dadurch geweckt wird und verpennt versucht, das Ganze wieder herunterzuschalten, kapiert man oft im ersten Moment die chinesische Fernbedienung nicht und setzt die Temperatur auch gerne mal um zusätzliche fünf Grad herauf, was im schlimmsten Fall auch erst nach wiederholtem Minutenschlaf vom eigenen Körper bemerkt wird ( und im allerschlimmsten Fall schaltet man schließlich die Strömungsstärke nochmals höher und stirbt.).  Zudem ist es auch nicht damit getan, das Fenster zu öffnen, aus oben angedeutetem Grund. Dumm nur, wenn man Raucher ist. Also macht man das Fenster doch auf (Stoßheizen sozusagen); doch so oder so sitzt man Abend für Abend notgedrungen in einem warmen, staubigen Nebel. Gestern habe ich auch einen neuen, großen Riss an der Wand hinter meinem Schreibtisch entdeckt, der vorher nicht da war (das Haus wackelt; siehe vorangegangene Einträge der Kategorie Selbstmitleid). Der Riss zieht sich jedoch durch keine tragende Wand, und somit bin ich relativ optimistisch eingestellt, was meinen Verbleib für die restliche Zeit in dieser Wohnung angeht (so viele Fußballtrainer habe ich den letzten Satz schon sagen hören. Man ersetze bloß das Wort „Wohnung“, aber nun gut). Die Fensterrahmen sind riesig und die Fenster dementsprechend und überraschenderweise auch, ansonsten würden sie herausfallen. Hat man die Nacht überstanden, kann empirisch davon ausgegangen werden, dass man auch wieder im Bett aufwachen und in Seelenruhe aufstehen kann.

Dem war vorgestern unglücklicherweise nicht so: Ich schlafe in der Regel ohne zugezogene Vorhänge. Nun steht gegenüber noch ein Wohnhaus des gleichen Bautyps und  man kann wunderbar in mein Zimmer und somit auch auf mein Bett sehen, wenn es hell geworden ist. So dämmerte ich Tage zuvor im Halbschlaf vor mich hin (es sind ja Ferien), als ich Kinderlachen hörte und irgendwann einen Kinderchor, der etwas sang. Das musste die Grundschule gegenüber sein, dachte ich mir (der Gedanke, dass die Grundschüler wohlgemerkt auch Ferien haben, drang zu dieser Zeit nicht in meinen verpennten Kopf vor). Irgendwann hörte ich ein wohlbekanntes Signalwort  aus dem Gesang heraus, das ein Auslandsstudent so gut kennt: „Ausländer!!!“  Eine unverkennbare Warnung, die mir sogleich eine schlimme Vorahnung gab, welche, nachdem ich den Kopf gedreht hatte, auch unversehens bestätigt wurde. Ich stand also das erste Mal in meinem Leben unter Anfeuerungsrufen kleiner Kinder auf, die sich auf dem gegenüberliegenden Balkon gestellt hatten und freuten, als ich ihnen zunickte – und nie hätte ich zudem gedacht, dass ich den vorangegangen Hauptsatz einmal hätte schreiben müssen, daher bin ich in jeder Hinsicht dankbar für die Existenz von Nebensätzen.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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