Schrecklicher Krach

Während die Klimaanlage das Zimmer auf gefühlte 35 Grad herunterkühlt und die Wohnung alle paar Minuten hin und her schwankt, da mal wieder ein LKW-Fahrer mit seinem Wagen und dem Gottesvertrauen eines (Moment, die sind hier doch praktisch alle ungetauft)…also mit dem Vertrauen in sich und seine eigenen Fähigkeiten hupend und bei Rot über die Kreuzung segelt, hat sich ein neuer Nachbar im Baum unter dem Fenster seit kurzem eingerichtet. Es handelt sich dabei um die chinesische Singzikade.  Die Viecher können einen Lärm machen, sodass man zunächst annimmt, es handele sich dabei um eine ganze Schar. In Wirklichkeit hockt oft nur ein Insekt im Geäst. Da nur eines da sitzt und aus Gründen der Brautschau und des alljährlichen Paarungsrituals um diese Zeit – normalerweise um Juli, Anfang August – ruft es (das Männchen) das Weibchen zu sich auf einen Ast. Die Tiere sind sehr selten, daher ist es (das Männchen) gezwungen so laut mit seinen Chitin-Flügeln zu schlagen, dass ich zunächst glaubte, die Straße werde mal wieder aufgerissen (ich musste für das hier gar nicht googlen; als alter Freizeitbiologe denke ich mir bequemerweise alle meine Annahmen zum Thema Singzikade selbst aus).  Die Straße wird auch tatsächlich mal wieder aufgerissen. Das stört die Singzikade jedoch nicht weiter (mich schon, und selbige stört mich auch).

Vorhin habe ich vom Fenster aus eine dicke Westlerin vorbeiwalken sehen. Auch das nehme ich schlichtweg an. (Alternativ musste sie aufs Klo; falls dem so gewesen ist, hat sie es nicht geschafft. Ich kenne die Gegend gut und wenn man hier nicht wohnt und es nah hat…ah, Thema beendet). Gestern war das letzte Mal richtig etwas los in der Studentenkneipe und wiederholt habe ich gemerkt, wie sehr sich die Gespräche unter Westlern ähneln. Die bestehende Sprachbarriere kann den Eindruck sicherlich verfälschen, welchen man vom Austausch mit bspw. pfff… einem chinesischen Teeverkäufer hat, aber ein normales Gespräch unter Deutschen ist auf eine ganz bestimmte Art viel sinnentleerter.  Wenn unsereins sich unterhält, zielen die eigenen Aussagen oft ausnahmslos darauf ab, dem Gegenüber ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Das ist in der Sache ja nicht verkehrt, aber wenn ein westliches „Gespräch“ in einer Bar/Mensa/Sushirestaurant (in Shanghai) einzig aus sich aneinanderreihenden Aussagen besteht, die sich durchgehend indirekt auf sich selbst beziehen und dem Zuhörer es erleichtern sollen, wie toll/gebildet/einzigartig man ist, dann dreht sich das „Gespräch“ nicht mehr nur im Kreis, sondern ist ein verkappte Version der Unterhaltung zwischen schwerhöriger, alter Person und Krankenpfleger.

Mit „Ich bin ja so jemand, der[…]“, „Also, wenn ihr mich fragt[…]“ , „da kann ich nur für mich selbst sprechen…“ wird eingeleitet, um dann die Bombe platzen zu lassen, dass man „Museen mag“ oder „nicht gerne wartet.“ oder „das auch gerne unterschreiben würde, aber leider kein Amerikaner“ ist ; was wiederum heißen soll, dass man als gebildet und aufgeklärt, aber ungeduldig angesehen werden will.  Solche Sätze bringt jeder. Richtig ermüdend wird es dennoch, wenn man diese in Form von Satzstakkatos dem anderen unter dem Deckmantel eines Dialogs präsentiert, der da schließlich denken soll wie gebildet und aufgeklärt,aber ungeduldig  der/die da ist. Zugegebenermaßen kann ich den ganzen Blog hier in die gleiche, westliche Sprechakt-Mülltonne treten, da ich im Grunde ja auch etwas dem anderen durch die Texte über mich suggerieren will. Der platte Unterschied liegt darin, dass man aus einem persönlichen Gespräch schlecht fliehen kann, bevor man nicht endlich Sushi/Getränke/Essen bezahlt, dem anderen womöglich im unglücklichsten Fall eine reingetreten und sein Gegenüber unter ständigem Baustellenlärm sich nicht endlich selbst entworfen hat. Hier muss man ja nicht weiterlesen (‚ha, du hast es aber doch gemacht!‘).

Stimmt. Vielleicht ist es aber auch doch nur die Sprachbarriere, durch die ich zum Trugschluss gelange, dass Chinesen weniger bereit sind, sich ungefragt selbst zu beschreiben. Auf der anderen Seite habe ich noch keinen über sich selbst sprechen hören, wenn ich nicht explizit danach gefragt habe, denn  ich bin ja jemand, der, falls man ihn fragt, auch gerne mal ungeduldig wird, wenn er gerade in der Schlange vor dem Landesmuseum Karlsruhe steht und gleichzeitig eine türkischsprachige Petition mit seinem Mobiltelefon auf Facebook teilen will.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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