Autoscooter rückwärts

Die Französische Konzession ist ein Ort in Shanghai, der eigentlich nicht das Shanghai ist, was man auf Postkarten sehen will. Auf Postkarten aus China möchte man am liebsten Dächer mit Drachenfiguren oder Reissäcke oder Tempel sehen, grundsätzlich gehört irgendwo noch ein unheimlich alter Chinese ins Bild (falls es sich nicht um ein Dächer-Bild handelt) und wenn man dem Empfänger zeigen möchte, dass man den Durchblick hat, alte Hütten, die morgen abgerissen werden. Ich habe aber leider den Fehler gemacht, einen Packen Postkarten zu kaufen, der  „French Concession“ zum Thema hat. Bilder mit Starbucks-Läden, italienische Cafés mit Ketchupflaschen und Einfahrten, die aussehen, wie von einem noch nicht zugeaschten Pompeij werden daher in naher Zukunft den Besitzer wechseln.  Zugegebenermaßen eigentlich vom gleichen Schlag deutscher Familien in die Heimat geschickt, welche ursprünglich und tagtäglich Sätze auf deutschen Autobahnen in den Mund nehmen wie „Das war nicht ich, das kommt von draußen rein“, wo der Papa ja aber jetzt einen Job in Shanghai gefunden hat und die ganze Charge Freitag Abends durch die Konzession schwitzt und nach einem „netten“ Restaurant (‚Rästau-rannt‘) sucht, sich verirrt und seine übergewichtige Alte jetzt alle zwei Minuten sagt „na, da haben wir uns das Essen jetzt aber  wirklich verdient“, stellt diese Spezies eine wunderbare Abwechslung dar, wenn man sein Hobby, willkürlicher Hass auf unbekannte Menschen zu projizieren, weiterhin ernsthaft betreiben möchte. Der Sohnemann ist oft meist größer als seine Eltern und war als kleiner Junge derjenige, der als erster beim Autoscooter entdeckt hat, wie man rückwärtsfährt. Der fuhr dann aber nur noch rückwärts, was irgendwie „cool“ war damals. Fuhr und fuhr und, weil seinem Vater eine Firma gehörte, musste er auch nicht aufhören rückwärts Autoscooter zu fahren, um in die Schule zu gehen. An der Universität in Shanghai gibt es auch einige Auslandsstudenten, die früher richtig gut rückwärts Autoscooter fahren konnten, und die gehen auch gerne am Wochenende in die Französische Konzession.Ich gehe eher selten (ok: gestern war ich auch.) und war letzte Woche mit meiner in der Zwischenzeit sehr lieb gewonnenen chinesischen Nachbarfamilie( siehe Eintrag „Bückeburg und die Elektrotechnik“), die ein Schreibwarengeschäft betreibt, auf dem Pearl-Tower (siehe „Geschossenes im Mai und Juni“). Eine kurze (da ich müde werde) Zusammenfassung des Ganzen: Ich traf Vater, Mutter und Sohnemann zur Abfahrt in ihrem kleinen Laden. Der sturzbetrunkene Bruder des Ladenbesitzers bot an, uns hinzufahren, während er gegen die Regale mit Stiften und Blöcken rasselte. Glücklicherweise wurde dieser Vorschlag nur ganz kurz in Erwägung gezogen und am Ende fuhr der König der Kugelschreiber selbst. Wir kamen am Fuß des Turms an und da der König der Kugelschreiber den Besitzer kannte(???, ich muss das irgendwie falsch verstanden haben.) durften wir umsonst rein, hoch und von oben das umliegende Shanghai erahnen, da der Smog schon wieder über der Stadt stand. Auf dem Rückweg bekam ich bei KFC noch einen Kaffee mit Milch. Die Angestellte verstand es wörtlich und zapfte einen Becher Kaffee und einen mit lauwarmer Milch. Sie meinte es gut mit mir, deswegen war ich auch nicht sauer.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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