Diesseits und jenseits des Mittelstreifens

In der Heimat würde wohl niemand in einem Café auf die wohl waghalsige Idee kommen, sich an einen dicht besetzten Tisch zu zwängen. Das verhält sich im gutbürgerlichen Shanghaier Stadtteil Yangpu augenscheinlich ein wenig anders. Der an anderer Stelle und in schon mehr als einem „Artikel(chen)“ ausführlich geschilderte (Es sind eindeutig zu viele Einträge dieser Art. Es werden aber weniger, versprochen!) einzige Laden, der Kaffee brüht, hat ein Platzproblem. Vor seine Eingangstür passt ins Freie nur ein Tisch, dahinter geht es eine Treppe hinunter bis zum Gehweg, dann auf die Straße, die eine Hälfte der Straße, über den Mittelstreifen, die zweite Hälfte der Straße, den gegenüberliegenden Gehweg, Käfige mit Hühnern, an einem Mann mit einem Beil vorbei, direkt in ein Restaurant. Kurzum und worauf ich eigentlich hinauswill: Keine weiteren Alternativen (an Cafés) wie auf der Sternschanze (Achtung Teekesselwort!) oder um die Heiliggeistkirche herum in Heidelberg, in denen man seine Großeltern abstellen kann. Das hat zur Folge, dass richtiggehende Gangs aus Großmüttern teils am Tisch des Ladens, teils an der Treppe dahinter sitzend abhängen und präzise kontrollieren, wer sich der Tür nähert oder aus ihr heraustritt. Der Deutsche in einem stutzt und regt sich traditionell verstaubt auf „Die haben ja noch nicht mal was da gekauft. Mir gebührt ein Sitzplatz!“

Als ich mich das erste Mal vor knapp zwei Monaten an diesen Tisch setze durfte, kam fünf Minuten später schon die Meute alter Omas an. Es waren insgesamt fünf. Drei nahmen gegenüber und neben mir an dem Tisch Platz. Eine lehnte am Geländer, eine saß auf der Treppe. Sie kauten Kaugummi und stellten anderen Leuten das Bein, sodass diese die Treppe runterfielen, sich etwas brachen, während sie lachten (die Omas natürlich) und sich abklatschten. (der letzte Satz ist nicht wahr) Schnell war der Tisch mit Plastiktüten vollgestellt, man nahm mir immer mehr Stellfläche weg und ich nahm sicherheitshalber meinen Kaffeebecher auf den Schoß. In dieser Phase half wieder nur stoische Geduld. Man kann mich unhöflich und herzlos nennen, denn es war mindestens der einen am Geländer anzusehen, dass sie auf meinen Platz scharf war; doch ich saß es aus. Nach einer halben Stunde machte sich die Clique auf den Weg zum Gemüsemarkt und ich atmete durch. Mein Kaffee war jetzt kalt, aber den Sieg galt es auszukosten. Wie aus dem Nichts schnellte in diesem Moment ein älterer Herr mit Goldrandbrille aus der Tür ins Freie und setzte sich mir gegenüber (Halbglatze, runder Bauch und abgetragener Blazer, circa 60 Jahre, gutmütig wirkendes Gesicht). Was jetzt kam, schlug das beidseitige Mobbing davor um Längen, war aber um einiges lustiger mitzuerleben. Der Alte hatte ein Iphone in der Hand und schlürfte genüsslich seinen Cappucino. Man konnte erkennen, dass er sowohl das Iphone noch nicht solange besaß (ich gehe schwer von einem Geschenk seiner Enkelkinder aus) als auch ihm das Produkt „Kaffee“ (in China trinkt man für üblich Tee) nicht ganz geheuer war. „Mondän“ ,möchte man meinen, wollte er sich fühlen. Er hackte mit dem Zeigefinger in das Mobiltelefon hinein, als besäße es noch eine Wählscheibe, schob seine Brille hoch auf die Stirne, runzelte sie, schob sie wieder runter und entdeckte etwas in seinem Display. Plötzlich machte es „Klick!“ und er erschreckte sich. Er schaute kurz prüfend in seine Kaffeetasse (Es war kein Schaum mehr da. Den mochte er nämlich, den Kaffee wohl nicht) und hielt sich das Iphone jetzt direkt vor das Gesicht. Es machte noch einmal „Klick!“. Man sah, dass er etwas erkannt hatte, eine Gelegenheit. Seine Augen huschten kurz hoch zu mir, dann wieder auf das Display, nochmal zu mir. Ganz langsam (als wäre ich irgendein Lebewesen das langsame Bewegungen nicht wahrnehmen kann) richtete er sein Telefon auf meinen Kopf und zielte. „Klick!“…“klick!klick!klick!“. Er schien mit seiner Fotostrecke zufrieden zu sein, und scrollte sie mehrmals durch, während ich ihm immer noch gegenüber saß, perplex und nicht wusste, was ich von dem Ganzen halten sollte. Schließlich stand er auf und ging einfach fort.

Seitdem habe ich aber kein Problem mehr damit, mich an einen Tisch Fremder zu setzen, wobei ich nicht weiß, wofür das gut sein soll.

Anmerkung: Den Titel habe ich ganz schamlos vom gleichnamigen Gedichtband von Charles Bukowski übernommen.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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