„Verstehen Sie Spaß?“

Manchmal gibt es Tage, an denen sich der Blickwinkel, aus dem man dieses Land betrachtet, dermaßen verschwimmt, da man selbst, aufgrund der ganzen unbekannten Einflüsse, nicht mit dem richtigen Bein aufsteht. Zuvor war man möglicherweise der Ansicht, sich in gewissem Maße integriert zu haben, doch im Hintergrund schwingt immer in relativ niedriger Frequenz die Forderung im eigenen Denken mit,  China  solle sich doch bitte schön für den Deutschen als Erstes ändern (was natürlich vollkommener Blödsinn ist).  Dieses grundsätzliche Problem in der eigenen Haltung gilt es beinahe tagtäglich anzugehen, ansonsten kann es einen folgendermaßen überrennen und dich zum Offenbarungseid zwingen, wohl doch nicht ganz so arg integriert zu sein:

Kurz zuvor habe ich mir angewöhnt, mich mittags ein halbe Stunde hinzulegen. Egal, wie kühl und grau es morgens  nämlich aussieht, kommt man mit einer angeschlagenen körperlichen Kondition zurück in die Wohnung. Die Luft steht über der Stadt und auf den großen Kreuzungen  weht einem auf dem Rückweg bisweilen der berüchtigte „Shanghaier Fön“ (eine Mischung aus Ruß, Baustellenspänen und ab und an glühende Funken von Schweißern am Straßenrand) entgegen. Jetzt verhält es sich jedoch so, dass der Baustil unseres Wohnhauses augenscheinlich erdbebensicher ist oder eben nicht sicher ist. Das macht sich in Schwingungen des Hauses bemerkbar, immer, wenn ein Lastwagen unten vorbeifährt (und es fahren sehr viele Lastwagen vorbei). So wurde ich gestern in den Schlaf geschaukelt, nachdem ich mich mental darauf vorbereitet hatte, in einer halben Stunde fünf Stockwerke tiefer wieder aufzuwachen (oder eben nicht). Dieses Wippen der tragenden Wände wirkt sich auch auf den Schlaf aus. Nach einem komischen Traum, in dem ich mit Giovanni Trappatoni „Verstehen Sie Spaß?“ moderieren durfte, wachte ich mit kaltem Scheiß auf der Stirn auf und beschloss, mir rasch etwas zu trinken zu holen. Ins Café (das gleiche wie ein paar Blogs zuvor bereits beschrieben) nahm ich mein „Momentum“ des heutigen Tages mit.

„Ich hätte gerne einen Milchtee.“

„Das dauert aber 5 Minuten.“

„Egal.“

[Fünf Minuten später]

„Warmer oder Kalter?“

„Kalt, bitte.“

„Wir haben nur warmen.“

Zu diesem Zeitpunkt bemerkte ich schon irgendetwas gegen meine Schädeldecke pochen. Womöglich rieb sich Giovanni Trappatoni irgendwo hinten in der Backstube bereits die Hände.

„Hätte Sie mir das nicht vor 5 Minuten sagen können?“

„Ja.“

„Haben Sie irgendetwas anderes kaltes im Angebot?“ Sie überlegte einen Augenblick, Dann erhellte sich ihr Gesichtsausdruck.

„Wir hätten noch kalten Kaffee da.“

Irgendetwas an ihrer Aussage, die auch aus einem alten Otto-Sketch der 80er hätte stammen können,  ließ mich auflachen. Vielmehr: Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, während die drei Verkäuferinnen mich ratlos auf der anderen Seite des Ladentisches ansahen und auf eine Bestellung warteten. Mit Müh und Not brachte ich die Bestellung eines (bitte schön) warmen Kaffee auf die Reihe. Immer wieder musste ich auflachen, mein Kopf lief rot an und irgendwann lachten auch die drei Mädchen mit. (Wobei ich davon ausgehe, dass sie genauso wenig Ahnung wie ich hatten, was an der Situation eigentlich so komisch war.) Vielleicht war es das wackelnde Haus eine Straßenecke weiter, das Wetter oder an der Seite von Giovanni Trappatoni vor gerade einmal 20 Minuten das wohl beste „Verstehen Sie Spaß?“ aller Zeiten auf die Mattscheibe der Deutschen gezaubert zu haben.

Kurz zusammengefasst, war ich an diesem Tag ein recht schlechter Repräsentant meines Landes oder zumindest ein äußerst merkwürdiger. Man fühlt sich auf einmal wie ein Fehler in der chinesischen Matrix oder Bestandteil eines Ravensburger Puzzles,  das mit aller Gewalt versucht wird, in ein Puzzle mit 1,3 Mrd Puzzleteilchen hineingeklopft zu werden. Ich habe gehört, Trapp hat sich in den Zeiten als FCB-Trainer auch ein bisschen so gefühlt.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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2 Antworten zu „Verstehen Sie Spaß?“

  1. Geiler Typ schreibt:

    Könnte auch ein prima Loriotsketch sein.

  2. lukas schreibt:

    :- Integration ist schon was schönes 🙂 Kann dich wirklich gut verstehen. Lange nicht mehr so gelacht wie grade 🙂

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