Ganz China? Nein, ein kleines Dorf…

Nachdem die Straße an dieser Stelle schon nachgezeichnet wurde, hier nun ein kleiner Ausflug (oder sozusagen eine rückwärtsgewandte Exposition eines sich [vielleicht] zum Ende hin neigenden Reclamheft-Dramas, hust) in das Innenleben einer Wohnungssiedlung, in der ein Westler wohnt, um dazuzugehören, ohne wirklich dazuzugehören. ‚Warum?‘ wird sich der Westler im Westen (respektive der Östler, Südler, Nördler im Süden und Norden) fragen. Schlicht und ergreifend weil sich im umzäunten Wohnviertel, so elitär es erst einmal erscheinen mag (und so viele Schilder es als „Civilized Building“ anpreisen mögen) allmählich Strukturen zutage treten, die an ein kleines Gallisches Dorf erinnern.  Deswegen werden an dieser Stelle einmal die verschiedenen Charaktere in all ihrer Würde völlig überzeichnet und totschlagend subjektiv umrissen.

Zuvorderst haben wir die Wachmänner: Sie sind die ersten, mit denen man, abgesehen von den drei Vermietern (zu denen ich noch komme) zu tun bekommt. Sie sind vier, verteilt auf unterschiedliche Tagesschichten. Am Wochenende sitzen sie aber alle zusammen in ihrem kleinen Wärterhäuschen bei Reisschnaps und –schüssel, jenseits ihrer festgelegten Arbeitszeiten und rufen einem gut gelaunt zu, man solle doch verdammt nochmal selbst das elektrische Gatter nachts um 3 aufschieben (was recht schwer ist). Am Tag danach sind sie dementsprechend alle „krank“, keiner ist da und es hängt ein vergilbter, augenscheinlich oft benutzter Entschuldigungszettel an der Holztür.

Im Innenhof trifft man von Zeit zu Zeit auf Nachbarn. Klingt harmlos, doch manchmal trifft man buchstäblich auf sie. Die alte vom Erdgeschoss kann zum Beispiel nicht wirklich Fahrrad fahren. Glücklicherweise habe ich mich bisher immer für die richtige Seite zum Ausweichen entschieden. Jene Oma ist zudem auch dieselbe, die nachts gerne mal mit ihrem Ehemann schreiend diskutiert und die Fließen augenscheinlich mit Zahnpasta verfugt.

Um die eigene Haustür und die Mülltonnen hat man es mit dem Hausmeister und seiner Frau zu tun. Ich nehme jedenfalls an, dass es sich dabei um den Hausmeister handelt. Ganz sicher bin ich mir nicht, da ihm und seiner Frau etwas beinahe Mystisches anhaftet. Sie sitzt den ganzen Tag auf einem kleinen Schemel, der wirklich nur maximal die Maße 20cm auf 30 cm besitzt. Um sie herum sind Gegenstände, wie Radiogeräte, alte Fernseher und Küchenlampen bis hin zu leeren Bierflaschen zum Verkauf (?) aufgestellt, die sich Tag für Tag unterscheiden. Während ihr Mann (der Hausmeister?) im Innenhof herumfuhrwerkt und den Müll leert, sitzt sie mit leeren Augen da und ist wohl die einzige, die einen in der Siedlung nicht erkennt (oder nicht erkennen will). Ich verdächtige sie zudem, die Lautsprecheranlage an ihrem Fahrrad, die Werbung für frische Eier, Zahnpasta und Mobiltelefone in Endlosschleifen verkündet, vorgestern Nacht angeschaltet zu haben.

Zu guter Letzt nun zu der aktuellen Situation unseres „dreiköpfigen“ Vermieters: Allenfalls bekommen wir es mit dem dicken von ihnen zu tun und die Frage, ob wir womöglich zuviel an Miete zahlen, hat sich vor drei Wochen auch geklärt, als er in einem Nadelstreifenanzug (das denke ich mir nicht aus!) vor der Tür stand, um die verbliebenen drei Monatsmieten zu kassieren. Auf meine Frage, was es für einen Anlass hinsichtlich seines Aufzugs (Anzugs) gäbe, war er recht peinlich berührt (er scheint auch noch ein wenig dicker geworden zu sein). Daher gehe ich davon aus, dass wir bei diesem Treffen zwischen Tür und Angel insgesamt 6 Monatsmieten zu sehen bekamen; drei in bar und eine als Anzug und neu hinzugewonnenem Bauchansatz.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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