Deutsche Mark und Deutsche Bank

„Gespräche fischen“ (so darf man gerne die sehr simple Methode nennen, relativ kostengünstig an seinem Chinesischniveau zu basteln) ist neben „Sachen machen“ ( ein Lieblingsausdruck, der auf alles hier in Shanghai zutreffen kann, wenn das Wetter zu fein ist, um in den Unterricht zu gehen und durch den man sich freiwillig unter Druck begibt, sich eben nicht im Zimmer zu verschanzen und Blogeinträge zu schreiben, die zweifellos zu viele, auch zu lange und von der Semantik ganz und gar nicht stimmige Nebensätze beinhalten, sondern beispielsweise pfff…einfach nochmal versuchen, eine Hängematte irgendwo aufzutreiben) eine Lieblingsbeschäftigung, bei der man über Gesprächspartner an jeder Straßenecke oder Nudelküche fällt und sich dabei „Sprachpraxis fischt“(??). Der Anfang ist leicht. Bei zunehmender Dauer wird es oft sehr chaotisch. Viele Einheimische verlieren ihre ursprüngliche Scheu vor dem brillentragenden, langnasigen Westler, wenn der sich als einer zu erkennen gibt, der kaum kolonialistische Absichten aus seinem Heimatland mitgebracht hat und losradebrecht, dass selbst ein alter Schuhflicker auf dem nahen Gehweg  kurz die Stirn runzelt und seine Alte nach einer chinesischen Übersetzung des Ganzen fragt. Die Unterhaltung zieht danach immer weitere Kreise und breitet sich über die gängige Wetter-,Gehalt- und Heiratsthematik in Gegenden aus, die sich womöglich weit über dem eigenen gewohnten chinesischsprachlichen Terrain befinden – auf einem Hochplateau der Willkür sozusagen, wo die Luft dünn ist und die Antworten mal wieder nur mit elektronischem Wörterbuch zu meistern sind. Fragen zum Wechselkurs (Euro:Yuan, Yuan:Euro, Euro:Deutsche Mark, Deutsche Mark:Yuan), die Erklärung, dass die Vereinigten Staaten nicht in Europa liegen, und das Verteidigen des eigenen Versicherungssystems wechseln sich ab und aus einem Gegenüber werden Unzählige, die sich um den eigenen Tisch in einer Nudelküche für Taxifahrer versammelt haben. Jetzt ist man der einzige, der noch sitzt. Alle anderen stehen um einen herum und erklären, den neuen Gästen eifrig die zuvor erfahrene Gesamtsituation des Auslandsstudenten. Ab und zu wird man den unbedarften, freundlich dreinblickenden, oft runzeligen Augenpaaren gewahr, verliert den Faden und alle schmeißen sich weg vor Lachen. Von hinten drängelt sich irgendwann die dicke Nudelköchin in die erste Reihe und bietet ihre Tochter feil, während einem selbst von der scharfen Nudelsuppe die Augen tränen und der Taxifahrer aus Hebei fragt, ob die deutsche Bank, wirklich die größte Bank in Deutschland sei. „Natürlich!“, kommt es von seinem Nebenmann, der ja als einer der ersten dabeistand, als das Gespräch abgehoben hat, und somit in seinem Amt als neuer Deutschlandexperte der Guilin-Garküche fungiert und die Plebs in die Schranken weist. Die dicke Familienbeauftragte des hinteren Küchenteils brüllt noch einmal die Vorzüge ihrer Tochter in den vorderen Bereich und ein Hans Eichel erinnert kurz freundlich daran, dass trotz allem die Suppe gerne noch bezahlt werden dürfe.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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2 Antworten zu Deutsche Mark und Deutsche Bank

  1. lukas schreibt:

    😀 einfach nur epic Felix 😀 Lang nicht mehr so gelacht. Wäre auch gern dabei. Liebe Grüße

  2. Lydia schreibt:

    ich les deine einträge auch sehr gerne 😀

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