Nachtfieber

Unter uns wohnt eine alte Frau, die sich um die zwei Katzen vor unserer Haustür kümmert(heute waren es auf einmal drei zusätzliche Kleine, die vor den Briefkästen abhängen), an uns ab und an ihr überraschend gutes Englisch ausprobiert und die die Fugen zwischen den alten Fliesen am Wochenende mit einer Paste abdichtet, welche aussieht wie Zahnpasta (gleichermaßen hatte meine letzte Zahnpasta einen Geschmack, der genauso gut von Fugenmörtel kommen könnte).  Die Karmapunkte der Frau, die sie über den Tag sammelt, verbrennt sie aber nachts, wenn sie mit ihrem Mann über irgendetwas streitet. Die Stimme…also…schwer zu beschreiben…hat ungefähr dieselbe Klangfarbe, wie wenn man ein Grashalm zwischen die Daumen spannt und draufbläst.  Während der nächtlichen Diskussionsrunden liegt man nun im Bett und es fühlt sich an, als würde die Stimme wie ein Moskito immer näher ans Ohr dringen, sich kurz überlegen, sich ein anderes Opfer zu suchen, um schließlich doch anzugreifen. (ZssssSSSsssss…..SSSSSSSSSSS!) Hierauf bleibt einem nichts anderes übrig, als aus dem riesigen Bottich Lethargie, der neben dem Bett schon bereit steht, eine tiefe Kelle in sich hineinzuschütten und abzuwarten

Andererseits ist es immer mit einer Mischung aus Interesse und Respekt verbunden, sich mit den älteren Herrschaften in Shanghai auseinanderzusetzen. Sie tragen normale,  abgewetzte Kleidung (alt halt), Einkaufstüten, kümmern sich um ihre Enkel, verwechseln womöglich Fugenmörtel mit Elmex und niemand würde einfach aus der Miene eines 70-jährigen lesen können, was dieser schon alles erlebt hat. (Wirft man einen kurzen Blick auf die gegoogelte Wikipedia-Zeittafel Chinas im 20. Jahrhundert, kann man allenfalls erahnen, was in ihren Köpfen noch so alles erschreckendes festsitzen mag).

Dass ich jetzt nicht genau weiß, wie ich den Übergang zum unteren, so gegensätzlichen Blogteil bewerkstelligen soll, ist symptomatisch dafür, wie erschreckend weit sich die Kluft zwischen den jungen (in diesem Fall dazu noch westlichen) Einwohnern und den alten, Einkaufstüten schleppenden Älteren aufsperrt.  Daher hier schlichtweg ohne Überleitung:

In bestimmten Situationen spalten sich Personen in erschreckend gegensätzliche Facetten auf, die sich gegenseitig aufs Äußerste bekämpfen.  Würde man sonst beispielsweise keinen Mundwinkel verziehen, falls irgendwo „Saturday Night Fever“ von den Bee Gees kommt, sind die ersten Wortbeiträge im Versuch ein „Gespräch“ in einem Club anzufangen, dazu womöglich „Ich mochte ihre alten Sachen lieber“ und „Der grade singt, ist letztes Jahr an Krebs gestorben.“ Natürlich kommt es auf das Umfeld an; braucht man aber ein ssssugesimstes Codewort („Don Lico“), um von der Dame am Eingang überhaupt erst hineingelassen zu werden, kann man sicher sein, dass die meisten Besucher zwischen all den Aquarien mit kleinen Haifischen wenig auf die fantastische Frühphase irgendeiner Band, Musik oder  Personen/Bücher/Dinge,die existieren oder nicht existieren geben. Und als bester Freund entpuppt sich wiedermal einer der Securities („Sind Sie aus Shanghai? Das ist interessant, ich verstehe den Shanghaier-Dialekt kaum…bitte was?“), der einen lieber wieder draußen sehen will.

…wunderbar, wenn man einmal eine geeignete Ausrede hat, Textteile nicht miteinander verbinden zu müssen!

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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