Guoshun Lu is in my ears and in my eyes

Wenn ich von der Universität komme, laufe ich im Grunde für eine halbe Stunde auf einer langen, geraden Straße bis zur Mietwohnung. Richtig kapiert, warum ich morgens mit dem Bus hinfahren kann, aber auf dem Rückweg laufen muss, habe ich noch nicht (womöglich eine Ringlinie). Die Straße heißt Guoshun Lu und da sich die Planer des Viertels wohl lieber mehr Gedanken darüber machen wollten, was es noch so aufzuwerten und wen es noch herauszuschmeißen gilt, der nicht miet-und nagelfest ist, heißen alle Längsstraßen im Viertel schlicht Staat-blabla-Straße und die Querstraßen Politik-blablabla-Straße.  Ich wohne in der Staatsgehorsamsstraße, was nicht heißen soll, dass in ihr besonders eindringlich auf den Staat gehört wird. Biegt man vom Universitätsgelände in sie hinein, kommt man zunächst an einem Gemüsehändler vorbei, der nebenbei immer sowas wie eine Betonmischmaschine anhat, in der Erdnüsse geröstet werden. Die Mehrzahl der Geschäfte hat sich auf genau ein Produkt oder eine Dienstleistung spezialisiert. Es arbeiten hier Schlüsselmacher, Stühlehersteller oder Menschen, welche die Rahmen von Fenstern rahmen oder gähnen und fröhlich „Hollo!“ entgegenrufen. Alle hundert Meter stehen rauchende Friseure vor den Stufen ihrer Läden, an denen ich immer schuldbewusster vorbei gehe, da auch meine Haare demnächst fällig sein werden (das wird dann bestimmt ein feiner Blogeintrag; Zusatz: es sind tatsächlich stinknormale Friseure. Auf einen Text mit dem Titel „Mein erster Puffbesuch“ wird hier vergeblich gewartet). Irgendwann überquert man die „Politikbildungsstraße“ und sieht zwei Immobilienmakler in ihrem Geschäft bei offener Tür auf einem Flachbildschirm ein altes FIFA-Spiel spielen. (Es gibt in der Tat sehr viele Immobilienläden. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Chinas Wirtschaft wächst. Also rasch in ein leerstehendes Wohnhaus investieren! Auch ich habe es gewagt und verdiene jeden Tag Tausende Euro) Nebenan ist ein Stand, der irgendwie nichts verkauft, an dessen Glastür aber immer ein großer lebendiger Hase sitzt (mh. den habe ich doch schon lange nicht mehr gesehen..) und bei dem ich einmal stehen geblieben bin und ihm zugeschaut habe, wie er zum Nachbareingang gehüpft ist. Zu dumm nur, dass es sich hier nun anscheinend wirklich um den Straßenpuff handelt, und die Mädchen hinter der Scheibe einen Westler scheinbar dumpf durchs Fenster stieren sahen, wobei der doch nur den Hasen beobachtet hatte („Oh, doan Haserln hoast zugschaut!“). Läuft man schließlich über die „Politikursprungsstraße“ zum Wohnhaus, sieht man weiter unten die chinesische Post. Da war ich letzte Woche ein Paket abholen, beziehungsweise wurde nach Betreten kurzum ins Frachtzentrum im zweiten Stock gejagt, wo es (so stelle ich es mir jedenfalls vor) wie in Lappland zugeht, wenn ein riesiger Haufen Briefe an den Weihnachtsmann von unzähligen Lappen sortiert wird. Zum Abschluss grüßt man kurz den Pförtner, der einen in Puncto H7N9-Virus(„15 Tote. Also immer schön warm anziehen, sonst erkältest du dich noch!“) auf den neuesten Stand bringt und schließt die Haustür auf.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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