Styropor und Stereotypen.

Bei eingeschweißten Produkten lese ich mir immer zunächst die Rückseite durch, um frühzeitig zu erfahren, in welchem Land sie produziert wurden. Nicht etwa aus dem Grund, als aufgeklärter Verbraucher, der unbedingt um die dortigen Arbeitsbedingungen wissen muss, die richtige Schere zu kaufen. Nein. Einzig, damit der aufkochende Hass, beim Versuch die Verpackung zu öffnen, rechtzeitig auf einen Stereotyp, den ich mir schnell in meinem Kopf zusammengesetzt habe, gelenkt wird. Mit Sicherheit kann man daher sagen, dass das wohl meistgehasste Land der Welt Schweden (IKEA) ist; gefolgt von vielleicht der Schweiz (Nestlé).

Im Grunde verbringt man den Großteil des Tages doch damit, sich über etwas oder jemanden aufzuregen. Wenn man nichts besseres zu tun hat oder wenn man erst recht etwas besseres zu tun hätte, gibt es nichts schöneres. Ich bin mir sicher, dass genau in diesem Moment auf der Welt einer sinngemäß den Satz sagt  „Also…von dieser Chipssorte hatte ich mir mehr erhofft. Das ist nicht ungarisch. Ich war da letzten Sommer.“  Man wird richtiggehend wütend auf Unternehmen  und ist man an diesem Punkt angelangt, macht es nur noch einen Katzensprung zur zünftigen Menschenverachtung aus.

Letzte Woche habe ich mir eine Lampe gekauft und als ich den Karton aufmachte, fielen mir alte Styroporstücke entgegen. Ich habe mir nicht mal die Mühe gemacht herauszufinden, wo die Lampe hergestellt wurde, und habe, laut China verfluchend,  versucht sie zusammenzubauen (am Ende stellte sich heraus, dass sie in Deutschland produziert wurde). Niemand baut irgendetwas, das er sich kurzfristig gekauft hat, zusammen und räumt diesem Prozess  im Voraus mehrere Stunden ein.  Immer wird der Hersteller beschuldigt, eine wichtige Schraube vergessen zu haben, da man selbst entweder zu doof war, nachzuzählen, oder die Schraube sonst wohin geschraubt hat, nur nicht dorthin, wo sie hinsoll. Also wünscht man sich die Vernichtung der jeweiligen Nation, wenn man am Ende extra noch Batterien/Glühbirnen kaufen gehen muss.

Im Gegensatz dazu habe ich noch keinen gehört, der das Herstellerland gelobt hat. Man ist allerhöchstens zufrieden mit seinem Betriebssystem und keiner hat je gesagt „Mensch, chinesische Kinder wissen echt mal, wie so ein Iphone zu bauen geht.“

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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3 Antworten zu Styropor und Stereotypen.

  1. Joel schreibt:

    Den Satz „Mensch, chinesische Kinder wissen echt mal, wie so ein Iphone zu bauen geht.“ hab ich schon öfter gehört, aber meistens auch nur weil ihr Galaxy S kaputt ging und sie sich darüber aufgeregt hatten 😉

  2. debelloculinario schreibt:

    Das mit dem Herstellerland loben gibts glaub ich schon. Sportwagen und Mode kommen doch gerne aus Italien, Avant-Garde Musik aus England und wenn mich nicht alles täuscht, heißt es Maschinen aus Deutschland seien nicht so ganz verkehrt…

    • harrykrishna1104 schreibt:

      das doch bestimmt! Verallgemeinern finde ich aber leichter und macht mehr Spaß. Bin mir aber auch sicher, dass sich diejenigen, die letztendlich die deutsche Triebwerke auspacken müssen, auch häufiger aufregen. (vielleicht…)

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