Richtfest

Als ich damals noch in meinem Heimatdorf (Michelfeld) gelebt habe, wurde ab und an auch mal die Hauptstraße aufgerissen und irgendwas verlegt. Das ganze Procedere hat oft den kompletten Sommer gedauert und es gab großartige Umleitungen und Unruhen in der einheimischen Bevölkerung. Im Michelfelder-Jargon musste  man nun stattdessen „über den Friedhof fahren“ (allein die Vorstellung; nein, gemeint war eben nur der Feldweg am Bauern und dem Ortsfriedhof vorbei und nicht querfeldein über die Gräber; ein anderer Michelfelder-Jargon war/ist übrigens auch „Ausländer raus“.  Umbauarbeiten in den Oberstübchen mancher dauern bis zum heutigen Tag in der Regel länger als das Verlegen einer Stromleitung und Neustreichen des einzigen Zebrastreifens in Michelfeld).

Gestern Abend hatte ich um elf Uhr den grandiosen Einfall, noch etwas für das Studium zu tun. Gleichzeitig fing gegenüber (direkt neben der Grundschule) ein Trupp Bauarbeiter mit ihrer Schicht an. Und zwar so richtig (davon können sich die Bauarbeiter in Michelfeld eine Scheibe Tofu abschneiden)!  Halbwegs unverrichteter Dinge ging ich ins Bett, während das Dröhnen unter dem Fenster Formen angenommen hatte, die mich menschenfeindlich werden ließen.  Mit Hass auf alles schläft man nicht gut.( das ist jetzt der Zeitpunkt, an dem die Neonazis bitte zum Notizblock greifen und dies zu notieren oder in irgendeiner Form – es darf auch gemalt werden –  festzuhalten haben. Dann geht der nächste Zebrastreifen besser von der Hand.) An einem normalen Tag hätte ich auch so schon zu wenig Schlaf bekommen. Stattdessen wachte ich von einem gewaltigen Donnern auf. In der festen Überzeugung, es habe Tote gegeben, und zugegebenermaßen auch mit einer gewissen Bewunderung für den einzigen Dicken in Nordkorea trat ich ans Fenster. Und siehe da: die Bauarbeiter lebten alle noch. Vielmehr: Sie feierten Richtfest (oder sowas in der Art. ohne Baum, dafür mit jeder Mengen Feuerwerkskörpern, für die sich selbst Kim Yong Un interessieren dürfte).  Ich fiel wieder ins Bett und wachte zur gewohnt üblichen Zeit zur chinesischen Nationalhymne auf, die aus den Kehlen der kleinen Grundschüler in das Viertel gesungen wurde.

Zusatz1: Derjenige, der den Michelfelder Zebrastreifen alle paar Jahre nachziehen muss, ist garantiert kein Faschist. Das Bild ist somit aber um einiges lustiger.

Zusatz2: Jedem Eintrag die Quintessenz, dass hier „die Uhren anders ticken“  und  „der Osten rot ist“, über den Kopf zu stülpen und den Blog solange mit derartiger Phrasendrescherei zu strangulieren und tot zu reiten, bis er vor mir liegt und nur noch ein röchelndes „es gibt Reis…“ von sich geben kann, will ich nicht.  Deswegen wird sich hier demnächst vielleicht ein bisschen was ändern.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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Eine Antwort zu Richtfest

  1. lukas schreibt:

    😀 Felix, du bist klasse. Immer wieder ein neuer Lichtblick im grauen Alltag wenn man deine Beiträge liest 😀

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