Ein Niesen, wie wenn einer versucht, nicht zu niesen

Vor drei Stunden bin ich von einem Stufenausflug aus Guilin (Südchina) zurückgekehrt. Kurz zusammengefasst, habe ich meinen Geburtstag in einem Zugabteil mit fünf Koreanern, die Blackjack gespielt haben, und an der Seite eines cholerischen, übergewichtigen Tschechen in einem Reisebus verbracht. Es war aber nicht der schlechteste Geburtstag!

Es wurde nämlich schon ein Tag früher wiegenfeststechnisch (und schon verpasst WORD dem Begriff einen roten Anstrich; muss wohl mal wieder mit meinem Kumpel Konrad Duden telefonieren) interessant, als im Speisesaal unseres Hotels die Lehrer mit drei sehr großen Geburtstagstorten ankamen („bitte lass sie nicht bei mir anhalten, bitte, bitte“), diese vor mir abstellten und anfingen „Hebbi Böhdeé“ zu singen. Als sie mich aufforderten, eine Torte anzuschneiden, während sie davon so wild Fotos schossen, als handele es sich um eine Hochzeit, war der Zeitpunkt, ihnen von ihrem Irrtum zu erzählen längst verstrichen (im Grunde gab es ihn auch nie). Dank der koreanischen Feierbiester an meinem Tisch hatte ich keine fünf Minuten später  auch schon die Hälfte einer Geburtstagstorte im Gesicht hängen. Somit ging der kindliche Wunsch, jeden Tag Geburtstag zu haben, erst mit 25 Jahren vorübergehend in Erfüllung.  Der restliche Tag wurde dagegen vorwiegend damit verbracht, ausgewählten Menschen mein tatsächliches Geburtsdatum zu verraten, was der abermaligen, doch zugegebenermaßen stets wohlgemeinten Willkür der Lehrer keinen Abbruch tat, indem man mich am Tag darauf in ein Abteil mit einer Horde mir fremder Koreaner steckte. Auch dieses Volk liebt das Kartenspiel und in jenem Fall besonders Black Jack( der Geist Peter Scholl-Latours weht durch diesen Post). Während ich im unteren Bett saß, um etwas zu lesen, regnete es von oben Erdnussschalen, Zahnstocher und Flüche herab (Zusatz: Ein chin. Fernzugabteil hat in der Regel 2 Etagen). Einer von ihnen hatte schlimmen Schnupfen, was zu interessanten Geräuschen führte, während sie sich ihre Instantnudelsuppen reinzogen. Wie kompliziert es sich anstellt, nicht gleichzeitig zu niesen und Nudeln zu essen, hatte auch der Kranke unter ihnen irgendwann festgestellt, was zu einer Art Prusten führte (Also nicht „Hatschi!“ sondern eher ein „BrmmpF!F!F!F!F!F!“). Als damit der Erdnussschalenregen sich schließlich beinahe wie echter anfühlte, beschloss ich mich nach Bier und meinen Mitstudenten umzusehen. Dies gelang auch erstaunlich gut, doch das ganze lief offengestanden auf das gleiche Schauspiel hinaus wie zuvor, nur wurde nun Poker gespielt und ich durfte zur Abwechslung etwas verstehen und Geld verlieren.

Doch China wäre nicht China, hätte es zum Abschluss nicht noch eine Finte aufgespart. Zwanzig Stunden später stand ich heute Abend endlich wieder in der Shanghaier Wohnung und knipste das Licht an. Ich versuchte es zumindest. Vor dem Fenster wurde das Licht schwächer und mit einem Mal fiel mir die (man erinnert sich) Briefkastenproblematik mit den verschwundenen Stromrechnungen wieder ein. Mir blieb also nichts anderes übrig, als im Nachtwächterhäuschen mit dem Alten darin über Deutschland, Studium und das Gehalt der Eltern zu reden, bis eine Stunde später jemand vorbeikam, der den Strom wieder …anmachte, aufdrehte, zehn Pfund Strom mitbrachte? Keine Ahnung, was der eigentlich trieb.

Das sind die Situationen, in denen man manchmal heim will. In Deutschland sehnt man sich dafür paradoxerweise umso mehr nach genau so etwas. In dem hier beschriebenen Fall habe ich mit dem Shanghaier Nachtwächter einen Freund hinzugewonnen und da ich jetzt wieder mit brüllender Klimaanlage und Festbeleuchtung hier sitze, werte ich die letzten Tage als Erfolg.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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