Die Lehrerin und ihr Kindheitstraum

Neben dem Campus der Universität, der aussieht, als wäre er von einem Irren am „Reisbrett“ ([…]schlechte Wortwitze, die aus Rechtschreibfehlern entspringen, dürfen nicht korrigiert werden[…]; Apostelgeschichte 69, 1) entworfen oder von einem mittelschlechten Simcity-Spieler geschaffen worden, findet sich eine kleine Gasse, die vor ein paar Jahren wohl zahlreichen Läden und Restaurants Platz geboten hat. Heute sind die Eingänge zugemauert, die Gehwege aufgerissen und die Wände vollgeschmiert. Schaut man etwas genauer hin und hat schon ein paar Jahre Chinesisch auf dem Buckel, kann man ohne weiteres erkennen, dass es sich hierbei um (hört, hört) relativ klare Ansagen gegen die Behörden handelt: „Wir wollen etwas zu essen“, „Wir wollen ein gerechtes Leben“ und irgendwas mit „Korruption“ (Fotos werden gerne nachgeliefert).  Das Gelände gehört meines Wissens der Universität…

[ein bisschen vorspulen; jeder, der in einem Land sitzt, dass noch anständiger Weise und de facto von einem Papst  aus dem Land des Tangos und nicht von zwei neu eingesetzten Walldorf und Stadler aus der Ehrenloge regiert wird, darf hieraus gerne seine eigenen Schlüsse ziehen]

Hier gibt es, wie sogar der BILD-Leser wissen dürfte, viele Menschen. Mehr noch: Zunehmend mehr alte als junge. Die Ein-Kind-Politik war zu Beginn der achtziger Jahre eingeführt worden, wodurch man das Bevölkerungswachstum in den Griff zu kriegen gedachte. Von 336 Millionen Abtreibungen und noch mehr schlimmen Einzelschicksalen der damaligen Zeit, wird weniger gesprochen. Heute wurde mir ein derartiges Schicksal in der Klasse geschildert. Unsere Lehrerin hatte eine weitere Diskussionsrunde um das – allwöchentlich gewohnt absurde- Lektionsthema  „Kindliche Wünsche“ eingeläutet. Souverän hatte ich mir den „Fußballprofi“ als Kindheitswunsch zurechtgelegt und wartete auf meinen Moment. Überraschenderweise machte zunächst einmal unsere Lehrerin den Anfang und ich fing an, mich im weiteren Verlauf abgrundtief für meinen so banalen Kindheitstraum zu schämen. 1980 ist sie, so ihre Schilderung, ein neunjähriges Mädchen auf dem chinesischen Land. Sie ist das erste Kind der Familie gewesen und, da vor allem in der chinesischen Provinz, eine Familie ohne Sohn einer Katastrophe gleichkommt, von Beginn an in ihrer geschlechtsbedingten Außenseiterrolle. Den Vater, ein schmächtiger Lehrer im Dorf, hat sie furchtbar lieb und will daher auch einmal unterrichten. (Stichwort „Kindheitstraum“) Ihre Eltern machen sich derweil an die Arbeit, ein zweites Kind, hoffentlich endlich den Sohn für die Stammhalterposition, zu zeugen. Unterdessen entscheidet man in der Hauptstadt über die neue Ein-Kind-Politik, die Mutter wird wieder schwanger, die Behörden klopfen an ihre Haustür und geben den Eltern einen gutgemeinten Ratschlag. [Unsere Lehrerin schreibt das chinesische Schriftzeichen für Abtreibungsklinik an die Tafel] Der Vater will das Kind jedoch partout nicht abtreiben lassen und die Eltern verschwinden aus dem Dorf, tauchen unter und lassen das kleine Mädchen zurück. In der Klasse ist es totenstill und ich suche panisch nach einer ähnlich schrecklichen Geschichte aus meiner Kindheit. Unsere Lehrerin fährt mit brüchiger Stimme fort.  Bis heute hat sie ihre Eltern nicht mehr gesehen und hält nur noch über Umwege Briefkontakt zu ihnen. Sie hat jetzt unzählige Geschwister. Die Eltern leben wieder auf dem Land, nachdem sie sich ein paar Jahre im Ausland durchgeschlagen hatten. Da sie Gesetzesflüchtige sind, würden sie sofort verhaftet werden. Der Vater arbeitet, mit seiner zu allem Unglück schwachen Konstitution,  als einfacher Feldarbeiter irgendwo im Land für die Familie.

Im hier bereits erwähnten Lu-Xun-Park steht das Denkmal eben des gleichnamigen Schiftstellers, welcher von vielen als der erste moderne und größte des zwanzigsten Jahrhunderts angesehen wird und  der oft und gerne eingefahrene Strukturen in der Gesellschaft angegangen hat. Als ich das letzte Mal vor seiner Statue stand, lag zu seinen steinernen Füßen ein Bleistift. Es könnte ihn jemand achtlos dorthin geschmissen haben. Es könnte jedoch auch eine Geste und stumme Aufforderung gewesen sein.

„Rettet die Kinder!“ (Lu Xun, in: Das Tagebuch eines Verrückten, 1918)

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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