Telefonmasten und Flüssigsprengstoff

Heute ist landesweiter Lei Feng-Gedenktag. Der Leifeng war vor knapp sechzig Jahren ein Soldat der Volksbefreiungsarmee und ein sehr tüchtiger obendrein. Gestorben ist er nicht minder fulminant.  Als er in seiner Vorbildfunktion einem Lastwagen beim rückwärtseinparken half, kollidierte der Lastwagen mit einem Telefonmast und der Telefonmast machte es sich auf Lei Feng bequem. Deshalb werden hier seit jeher immer noch Kampagnen gefahren und im Fernsehen hat man die letzten Tage im Pfadfinder-Jargon („An jedem Tag eine gute Tat“) kleine Lei Fengs Bustüren putzen sehen und Ärzte trafen sich mit alten Omas in der Inneren Mongolei, um … diese, nachdem sie (gemeint sind die Mediziner) zuvor im Schneegestöber über morsche Brücken gewandert waren, unentgeltlich zu operieren.

Schräg unter meinem Fenster befindet sich eine kleine Grundschule und ich werde jeden Morgen von der chinesischen Nationalhymne geweckt. Dann stehen die kleinen Lei Fengs in Reih und Glied vor einer Fahnenstange und einer von ihnen darf die Flagge hochziehen. Mit ihrer Nation scheint hier keiner ein Problem zu haben. Gesetzt den Fall, man könnte seinen Job verlieren, hält sich jeder an die Vorgaben. So wollte ich am Wochenende im Shanghai Museum doch mutwillig eine Pepsi durch die Personenkontrolle schmuggeln. Die Logik hinter dem Folgenden verstehe ich noch immer nicht so richtig:

Wachmann: „Keine Flüssigkeiten“

Ich: „ Bitte um Entschuldigung, das wusste ich nicht.“ [ich krame meine ärgerlicherweise gerade erst gekaufte Pepsi heraus, um sie in den Mülleimer schmeißen]

Wachmann: „Nein, trinken Sie bitte.“

Ich, von der vollkommen absurden Annahme ausgehend, ihm tue es leid, dass ich meine ärgerlicherweise erst gerade gekaufte Pepsi in den Mülleimer schmeißen muss,  ziehe das Pepsi hastig bis auf die Hälfte ab. Die hinter mir stehenden Touristen werden langsam ungeduldig, da der Westler augenscheinlich mehr Bock auf Pepsi als auf chinesisches Porzellan hat. Das Pepsi ist viel zu kalt und tut weh.

Plötzlich sagt der Wachmann: „In Ordnung, Sie können weitergehen. Bitte packen Sie das Getränk wieder ein.“

Entweder tat es ihm einfach leid, mich leiden zu sehen, oder er kam zu der Erkenntnis, dass sich in der Flasche kein Flüssigsprengstoff befinden konnte. Jedenfalls kein handelsüblicher. Ich bedankte mich, wünschte ihm einen schönen Tag und einen Telefonmast.

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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