Päpste im Straßenverkehr

Es gibt eine lange Liste an Dingen, ohne die man nicht auszukommen scheint.  Letztendlich sind sie heutzutage lachhaft und entbehrlich. Kompass, Kerzen und Telefonkarten für die nächste Telefonzelle während dem Italienurlaub waren bis vor kurzem noch darunter zu finden. Päpste wurden erst neulich herausgestrichen.  Ganz zufällig sind sie alle in ihrer Zeit Orientierungshilfen gewesen; ein Papst würde mir hier verdammt nochmal aber nicht helfen, die nächstgelegene Metro-Station zu finden (tausende deutsche Päpste mit aktualisiertem Metroplan, platziert an jeder Kreuzung und Spaß an ihrer Aufgabe zugebenermaßen schon vielleicht.)

Mit der Metro verhält es sich in Shanghai so: Letzte Woche habe ich mir einen Plan aus dem Jahr 2011 beschafft. Dieses Jahr gibt es schon grob vier neue Linien. Was daraus erwächst, ist oft Verzweiflung. Andererseits landet man in Gegenden, die man bisher nicht gesehen hat.  An einem klaren Tag (wohlgemerkt nicht zwingend smogfreien) steht man im Abteil, fährt ungefähr auf der Höhe des siebten Stocks eine Hochtrasse entlang und schlängelt sich an monströsen neuen Wohnbauten vorbei. Die Sicht auf die Straßen wird von anderen Hochhäusern, Baustellen an ebensolchen, Stromleitungen und Wäscheleinen verdeckt und man würde womöglich an der Existenz der Straßen und des Bodens zweifeln, wenn man es nicht besser wüsste. Gäbe es noch fliegende Taxis, könnte es auch eine passende Kulisse im „Fünften Element“ sein. Im Hintergrund ragen von Zeit zu Zeit die großen Wolkenkratzer in Pudong  in die Höhe, welche einem den einzigen Orientierungspunkt bieten, was die Himmelsrichtungen angeht (Das „dong“ in Pudong steht für Osten).

So hält man sich an einem Haltegriff fest und sieht sich zeitgleich einer Reihe sehr an einem interessierter Pendler ausgesetzt, die in ihrem unverständlichen Shanghai-Dialekt Satzstakkatos herausschießen, sich unterhalten, essen, Musik hören, Filme auf ihren was auch immer für Telefonen schauen und einen geduldig und unverhohlen, aber keineswegs geringschätzig, taxieren und an eine auf einer Leitung sitzenden Reihe Spatzen erinnern, wenn die Türen aufgehen und „Reise nach Jerusalem“ von neuem anfängt.

Trotz alledem: Weiterhin unversehrt (wobei mir gestern ein Kommilitone hinsichtlich der Sicherheit im Straßenverkehr versicherte, dass irgendwo in Shanghai ein Auto mit meinem Namen herumfährt und mich finden wird), die elektronischen Geräte gehen allesamt (noch), Briefkastenschlüssel fehlt aber anscheinend (was uns die Möglichkeit nimmt, unsere Strom-und Wasserrechnungen zu bezahlen).

Über harrykrishna1104

Ich bin gerade nicht "unterwegs", lag erst relativ statisch in Hamburg (jetzt Darmstadt; ich gehe diesen Text nach 5 Jahren nochmal durch) vor Anker und war mit den letzten DINA4-Seiten meines Sinologie-Studiums beschäftigt. Trotzdem finde ich, dass man sich Faszination, Ansprüchen und Wünschen usw (wurschd!Ich ändere gerade eine Beschreibung von vor 5 Jahren, da geht es um sowas nicht mehr, wer hat das denn) aussetzen darf (bitte was? Raststätte?) und mit dem auseinandersetzen (weil geschwätzt) muss, das sich gerade eben nicht in Reichweite befindet. Neben China (Ist neben anderem auch Ulan Bator) darf das im Grunde alles sein (Gemein, hier reinzupfuschen, aber ich fühl mich so klug). Einzige Voraussetzung(en): Ausformuliert und/oder ausgedacht.
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